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Do it yourself - Selbst ist der Mann

Text: Jörg Bohn / VG Wort Wissenschaft - Erstveröffentlichung im Sammlermagazin "TRÖDLER Kompakt", Heft 6 / 2006

Die frühen Jahrgänge der 1957 erstmalig erschienenen Heimwerker-Illustrierten „Selbst ist der Mann“ entpuppen sich als eine facettenreiche und ergiebige Fundgrube für alle Fans der Wirtschaftswunder-Ära.

 “Unrast der Zeit – Überforderung – Spezialistentum – Managerkrankheit. Das sind Begriffe, die immer wieder wie rote Warnsignale durch unsere Tage geistern. Immer von neuem wird darauf hingewiesen, dass sich der Mensch durch seinen jetzigen Tatendrang und das erzwungene Mitlaufen im heutigen übersteigerten Tempo des wirtschaftlichen Geschehens selbst sein Grab grabe“. Dieses nach wie vor zeitgemäß klingende Zitat ist nicht etwa einem Gesundheitsratgeber unserer Tage entnommen, sondern stammt aus einem 1959 im Heimwerker-Magazin Selbst ist der Mann veröffentlichten Artikel, in dem die Hintergründe der aus Amerika nach Deutschland übergeschwappten ’Do-it-yourself’ –Welle beleuchtet werden. So ist der Griff nach Hammer, Säge und Bohrmaschine nicht mehr allein durch eine mögliche Kostenersparnis beim Selbermachen motiviert, sondern dient mittlerweile vielen Berufstätigen als „Ausgleichssport“ nach einem anstrengenden Arbeitstag. Die westdeutsche Wirtschaft floriert und erstmals seit 40 Jahren gibt es wieder mehr freie Stellen als Arbeitslose, was nicht zuletzt der übergroßen Leistungsbereitschaft der Menschen in den Aufbaujahren nach Kriegsende zu verdanken ist. Mittlerweile jedoch schießen nicht wenige über das Ziel hinaus. Sie sind nicht mehr in der Lage, nach Feierabend oder am Wochenende einfach nur dem Nichtstun zu frönen und verwehren derart Körper und Seele die Möglichkeit zur notwendigen Regeneration, für die Ausübung traditioneller Entspannungshobbies wie Briefmarkensammeln oder Angeln fehlt ihnen die erforderliche innere Ruhe. Die Lösung für diese Gruppe von Rastlosen kommt aus den USA und heißt ‚Do-it-yourself’. Dabei handelt es sich nicht etwa nur um die bloße amerikanische Übersetzung für ‚Selbermachen’, sondern vielmehr um eine auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Bewegung mit der Philosophie, dass durchaus auch körperlich anstrengende handwerkliche Freizeitaktivitäten die unerlässliche Erholung verschaffen können. Von maßgeblicher Bedeutung für den angestrebten Erfolg ist jedoch, dass sich die Art der hierfür gewählten Tätigkeit grundlegend von der beruflichen unterscheiden muss. Dass man auf diese Weise auch eine Menge Geld sparen kann, ist natürlich ein willkommener Nebeneffekt. “Bastle nicht mehr so, wie dies zur Zeit unserer Eltern üblich war, als sich mit diesem Begriff die Anfertigung wenig praktischer, verspielter Dinge verband, die bald auf dem Speicher verstaubten. Eine Do-it-yourself-Betätigung bedeutet vielmehr, praktische Dinge des täglichen Gebrauchs zu schaffen“, erklärt Selbst ist der Mann, die im November 1957 erstmals in den Regalen der Zeitschriftenhändler zu findende „deutsche Do it yourself Illustrierte“ ihren Lesern. Zeit dafür steht den Arbeitnehmern in zunehmendem Maße zur Verfügung. Zwar arbeiten über 7 Millionen Bundesbürger noch 48 Stunden und mehr in der Woche, doch haben laut einer im Oktober 1958 veröffentlichten Statistik bereits 30 Prozent aller Väter regelmäßig und weitere 27 Prozent alle 14 Tage sonnabends frei. Doch die vermehrte freie Zeit birgt auch Gefahren:

“Den überhandnehmenden Straßenterror sogenannter Halbstarker beispielsweise erklärte der Stuttgarter Polizeipräsident sehr einfach mit zuviel zu leicht verdientem Geld und zuviel zu schlecht verwendeter Freizeit. Wir wollen nicht behaupten, dass man derartigen Krawallmachern nur Hammer und Säge in die Hand zu drücken brauchte, um sie zu beruhigen. Wir wissen jedoch, dass dies ausgezeichnet geeignet ist, die Freizeit der berufstätigen Menschen auszufüllen.“ 

                                   

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Dabei möchten die produktiven Heimwerker nicht mit Bastlern in einen Topf geworfen werden, die nach Ansicht der ’Selbst’ - Redaktion vielfach „einfach nur die Freizeit totschlagen“: “Wer beispielsweise einen Lampenschirm, einen Brieföffner oder ein modernes Mobile bastelt, bewegt sich durchaus noch im Rahmen des Do it yourself. Wer dagegen etwa den Kölner Dom aus Zahnstochern nachbaut, widmet sich einer Form des Bastelns, die mit dem Prinzip des Do it yourself nichts zu tun hat.“ Noch präziser formuliert es eine zeitgenössische Dissertation zu diesem Thema: „Das Do it yourself umfasst alle Tätigkeiten produktionswirtschaftlicher Art, die jemand im Rahmen seines Haushalts ausübt, die jedoch bei dem gegenwärtigen Stand der Arbeitsteilung bereits zum überwiegenden Teil aus dem Bereich des Haushalts herausgenommen und gewerblichen Betrieben übertragen waren.“

Bereits in seiner ersten Ausgabe bietet das in Hamburg bei „Brink & Herting“ verlegte Magazin daher eine breite Palette an Themen, die sich in diesem und auch in den folgenden Heften neben dem Bau von Möbeln und Accessoires vor allem mit der fachgerechten Renovierung und Instandhaltung der Wohnung beschäftigen und derart einen aussagekräftigen Einblick in den Alltag deutscher Wohnkultur der Wirtschaftswunderjahre ermöglichen. Bereits der Willkommensgruß an die Leser gibt in recht holprigen, im Nachhinein eine gewisse unfreiwillige Komik nicht entbehrenden Vergleichen Aufschluss darüber, was die Menschen in dieser Zeit bewegt: ‚Klar gehört der fortschrittlichen Technik unsere ganze Hochachtung. Noch höher achten wir die Kunst, ohne Elektronengehirn Nützliches zu schaffen. Durch die Freude an der eigenen Leistung ist uns der Schlag der selbstgebauten Kuckucksuhr lieber als der Schlag der Mammutpresse, der selbstgezüchtete Champignon lieber als der Atompilz (von dem man nicht einmal weiß, ob er überhaupt einen Pfifferling wert ist!)“.

                                   

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Glücklicherweise aber nehmen „Kuckucksuhr-Beiträge“ im Selbst ist der Mann nur wenig Raum ein, der überwiegende Teil des Heftes steht ganz im Zeichen des „neuen Wohnens“. „Der Wunsch, mehr Luft und Licht zu gewinnen, ist wesentlich für das Raumgefühl des modernen Menschen. Leicht, licht, luftig, schwebend, farbenfroh, lauten die auf die heutige Raumgestaltung meist angewendeten Attribute. Noch nie hat man sich vom Konventionellen so losgelöst wie heute. Das Massive, Starre gilt nicht mehr. Die so lange festgelegte Aufteilung der Möbel hat sich gelockert. Man dezentralisiert und verlegt sich auf die Asymmetrie.“ Um den Hausstand zu modernisieren, werden häufig alte, bereits vorhandene Möbel umgearbeitet, indem sie von überflüssigem Zierrat befreit werden. „Hilfe, wir haben geerbt“, ist eine entsprechender Anleitung überschrieben, in deren weiterem Verlauf das „Schnörkelwerk“ der „guten, alten Stücke“ entfernt wird und alle sichtbaren Flächen mit strukturierten Hartfaserplatten oder pastellfarbenen Kunststofffolien beklebt werden. Der Einfallsreichtum kennt offensichtlich keine Grenzen: “Besonders originell ließ sich ein schmaler, eintüriger Schrank verwandeln. Wir haben ihn umgekippt, auf Stahlfüße gestellt, von einer Wand befreit und als Blumentisch verwendet.“ Aus einem altertümlichen Schlafzimmer lässt sich ebenfalls noch etwas machen: „Omas Bett wird Bücherbrett“ heißt es einige Hefte später in einem Artikel, der auf der Idee eines Lesers basiert.

Überhaupt bemüht man sich von Anfang an in der ’Selbst ist der Mann’ - Redaktion um einen intensiven Dialog mit der Leserschaft und ist bestrebt, eine persönliche Bindung herzustellen: „Selbstmacher sind gute Kameraden. Wir wollen Ihnen ohne schurigelnde Gelehrsamkeit und ohne erhobenen Zeigefinger ebenfalls als gute Kameraden behilflich sein.“ Dass man derart den richtigen Ton trifft, belegen Monat für Monat eine große Anzahl abgedruckter Leserbriefe und viele Zuschriften mit Anregungen und Verbesserungsvorschlägen. Da Heimwerker in der Regel Erwachsene männlichen Geschlechts sind, versucht man seitens der Redaktion, mit den Rubriken „Selbst ist die Frau“ und „Jugendbasteln“, auch den Rest der Familie für die Illustrierte zu begeistern. Themen, die in den 50ern den weiblichen Teil der Bevölkerung interessieren, sind beispielsweise „Serviettentäschchen aus Baststoff“ und „So wäscht man richtig Gardinen“. Aber auch anspruchsvollere Aufgaben wie kunstgewerbliche Metallarbeiten oder Emaillieren werden vorgestellt. Die größte Resonanz jedoch erzielt offensichtlich der mehrteilige Lehrgang „Kürschnerkunst für Heimwerkerinnen“. Unter dem Titel „Ein Traum wird wahr“ beschreibt ein Kürschnermeister, wie die Leserin sich „für denselben Preis, den ein guter Stoff-Wintermantel kostet, einen sehr eleganten und zeitlosen Pelzmantel“ herstellen kann, „noch billiger ist es, wenn Sie eine eigene Kaninchenzucht haben.“ Wenn am Ende „alles glücklich geschafft“ ist, „können Sie Ihren Mantel am nächsten Sonntag spazierentragen. Ihre lieben Nachbarinnen werden Sie neidvoll bewundern.“ Einmal auf den Geschmack gekommen, kann frau auch die Kleidung Ihrer Lieben verschönern, denn „Ozelot wirkt hübsch auf Kindermänteln“. Andere Beiträge, die sich mit dem Flicken und Ausbessern von Kleidungsstücken befassen, belegen, dass Vielen trotz steigender Einkommen die während der Mangeljahre der Nachkriegszeit geübte Sparsamkeit und „Resteverwertung“ mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen ist, die viel zitierte „Wegwerfgesellschaft“ späterer Jahre scheint noch in weiter Ferne zu liegen. Wenn beispielsweise „ER sich darüber beklagt, dass bei einem sonst noch gut erhaltenen Oberhemd der Kragen durchgescheuert ist oder die Ecken des Kragens durchgestoßen sind“, ist der Schaden dadurch zu beheben, dass SIE „zunächst den alten Kragen abtrennt“, anhand dieser Vorlage „aus einer unteren Partie des Hemdenrückens“ ein entsprechendes Stück herausschneidet und zu einem Ersatzkragen weiterverarbeitet. „Der Rücken wird mit einem möglichst ähnlichen Stoff wieder ausgeflickt“.

Bereits der Kleidungskauf will wohlüberlegt sein, denn „auch der Putzlappen ist ein Werkzeug.“ „Kein standesbewußter Selbermacher kauft seiner Frau jemals im Leben ein Kleid aus Seide, Kunstseide, Perlon, Nylon, Taft, Samt, Spitzen und ähnlichen Geweben. Warum? Er denkt klug voraus. Was soll er nach zehn oder fünfzehn Jahren (! , Anm. der Autoren), wenn sie das Kleid nicht mehr anzieht, damit anfangen? In der Werkstatt sind die Stoffe der Haute Couture als Putzlappen vollkommen unbrauchbar“, heißt es in einem witzig formulierten, aber dennoch eine durchaus ernst gemeinte Grundaussage beinhaltenden Artikel aus dem Jahr 1960. 

                                   

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Auch ein Kochkurs ist fester Bestandteil der Hefte und richtet sich unter dem Titel „Hier kochen Männer mit Vergnügen“ gezielt an die Herren der Schöpfung: „Ein Mann, der nicht einmal ein paar Kartoffeln richtig braten oder sich eine Tasse Kaffee selber brühen kann, ist wie ein Fisch auf dem Land“. Mit Motivationshilfen wird nicht gespart: „Wer kochen kann, geht nie unter, und wer gut zu kochen vermag, dem steht die ganze Welt offen!“ Um die lernwilligen Hobbyköche nicht zu entmutigen, sind die Rezepte zu Anfang bewusst einfach gehalten und die allererste in diesem Rahmen abgedruckte Anleitung für die Zubereitung einer Suppe beginnt dementsprechend simpel: „Wir kaufen uns Fleischbrühwürfel und lösen sie auf… .“ Für spätere Hefte wird der „bayerische Fernseh-Koch“ Hans Karl Adam als ständiger Mitarbeiter geworben, dementsprechend anspruchsvoller werden die vorgestellten Gerichte. Beispielsweise verrät der Profi in einer „Kochschule für Strohwitwer und Junggesellen“, wie man auch aus Konserven ein schmackhaftes Mahl zubereiten kann: „Haben wir eine Dose Ravioli gekauft, legen wir sie etwa 20 Minuten in kochendes Wasser. Danach halten wir sie mit einem Handtuch fest, um uns nicht am heißen Blech zu verletzen und öffnen sie wie jede andere Konservendose. Ravioli schmecken so, wie sie aus der Dose kommen, schon ausgezeichnet. Aber wir können sie auch noch auf viele verschiedene Arten vervollkommnen“, unter anderem wie folgt: “Wir schütten den Inhalt der Dose auf eine warme Platte, bestreuen ihn mit geriebenem Käse und reichen dazu viel grünen Salat…Wer Phantasie und auch Mut hat, kann aus Ravioli also im Nu eine sättigende und wohlschmeckende Mahlzeit bereiten.“ Dennoch wollen viele Männer nicht, dass an der zeittypischen Rollenverteilung gerüttelt wird und halten nach wie vor die Erledigung von Hausarbeiten für die alleinige Aufgabe der Frau. Beleg hierfür ist die Zuschrift eines Lesers, der das Kochen „der männlichen Würde für abträglich“ hält und sich stattdessen mehr Artikel über „Axt und Schraubstock“ wünscht.

Eine beliebte Thematik ist der Selbstbau von Elektrogeräten aller Art. Das Spektrum reicht dabei von einer per Elektromotor und Keilriemen betriebenen Kreissäge über ein Schweißgerät bis hin zur in Eigenregie hergestellten Elektro-Kaffeemühle. Wichtigstes Bauteil für die Anfertigung letztgenannter ist ein ausrangierter Staubsaugermotor. Nachdem der Do-it-yourself-Anhänger dessen Durchmesser und Höhe ermittelt hat, begibt er sich „in die Camping-Abteilung eines großen Warenhauses und verlangt dort eine Plastic-Butterdose mit entsprechen Maßen“ für den Kaffeemühlen-Aufsatz. Weiterhin benötigt er ein Aluminium-Litermaß, um darin den Motor unterzubringen und fertigt sich das Mahlmesser aus einem alten Eisensägeblatt. Zumindest für den Verfasser der Bauanleitung scheint sich der Arbeitsaufwand gelohnt zu haben: „Ich habe meine Kaffeemühle bald ein Jahr in Betrieb. Dank Staubsaugermotor ist die Leistung des kleinen Maschinchens verblüffend.“

Auch ein Bohrmaschinenhersteller ist um Einfälle im Hinblick auf die praktische Nutzbarkeit seiner Geräte und damit die Erschließung neuer Kundenkreise keineswegs verlegen: „Hat Ihre Gattin etwas dagegen, dass Sie sich für Ihr häusliches Werken ein Elektrogerät zulegen?“ Hat sie sicherlich nicht mehr, wenn ihr gezeigt wird, dass die Bohrmaschine durch den Einsatz diverser Zusatzgeräte „auch als Küchengerät zum Mixen, Sahneschlagen und Rühren verwendet werden kann.“

Aber das „Selbst ist der Mann“ der 50er Jahre besteht keineswegs nur aus einer Ansammlung von Kuriositäten, die überwiegende Mehrheit der Artikel beschäftigt sich mit der fundierten Beschreibung handwerklicher Tätigkeiten und würde sicherlich auch noch nach heutigen Maßstäben einer kritischen Überprüfung standhalten. Die an dieser Stelle vorgestellte subjektive Auswahl dient einzig und allein der Absicht, zeittypische Eigenheiten herauszustellen.

 Einer der wichtigsten Belange derer, die schon etwas intensiver am Wirtschaftswunder-Wohlstand geschnuppert haben, ist gegen Ende der Fünfziger sicherlich der Wunsch nach den eigenen vier Wänden. Begnügt man sich 1958 noch mit dem Bauplan eines Wochenendhauses, muss es ein Jahr später schon ein richtiges „kleines Häuschen“ sein. In zehn Fortsetzungen wird der komplette Selbstbau eines Eigenheims von der Bodenplatte bis zum Dachfirst beschrieben, vorausgegangen ist unter anderem ein mehrmonatiger „Lehrgang für Amateurmaurer“. Wer durchhält, kann schließlich ein schlüsselfertiges Haus für lediglich 12000 DM Baukosten sein Eigen nennen, während man ansonsten zu dieser Zeit normalerweise ca. 35000 DM für ein „Einfamilienhaus bescheidensten Anspruchs“ investieren muss. „Beim SELBST-Heim wurde alles weggelassen, was den Bau verteuert, ohne unbedingt erforderlich zu sein. Dabei ist dieses Haus keineswegs ein Behelfsheim, sondern mit dem Komfort jeder normalen Wohnung ausgestattet.“

Ebenfalls groß scheint das Bedürfnis zu sein, auf Reisen von festen Wänden umgeben zu sein, denn „seit Bestehen unserer Zeitschrift bitten uns immer wieder Leser, doch auch einmal den Bau eines Wohnanhängers für Kraftfahrzeuge zu beschreiben“. Im Jahr 1960 kommt Selbst ist der Mann im Zuge der „Reisewelle“ dieser Bitte nach und startet mit „Eigenheim auf Achsen“ den ersten Teil einer Bauanleitung für Wohnwagen. Fahrgestell und Fenster werden fertig gekauft, der komplette Aufbau samt Inneneinrichtung jedoch entsteht in Heimwerkerarbeit. Um das Gefährt nach den Bedürfnissen der Leser zu konzipieren, wurde speziell auf deren Wünsche eingegangen, die sich im Grunde kaum von denen heutiger Tage unterscheiden. Erst beim Studium einer Tabelle mit zulässigen Anhängerlasten bemerkt man, dass dieser Artikel bereits ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, da als potentielle Zugmaschinen Klassiker des Automobilbaus wie Borgward Isabella, Ford 17 M, Goggomobil, Opel Kapitän oder VW Käfer Kabriolett aufgelistet werden.

                                   

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Überhaupt wird Beiträgen rund um das Auto in den Heften zunehmend Platz eingeräumt, da sich dank steigender Einkommen immer mehr Menschen ein eigenes Auto leisten können . Das Kfz-Themenspektrum reicht von der Bewerkstelligung kleinerer Reparaturen bis hin zur kompletten Neulackierung in Eigenregie, so mancher Artikel wird dem heutigen Leser angesichts damaliger Technik sicherlich das eine oder andere Schmunzeln entlocken. Die Unterweisung „Modernes Make-up für alte VW“ jedoch dürfte heutzutage jedem Oldtimer-Liebhaber Tränen in die Augen treiben, handelt es sich hierbei doch um die Anleitung für den Umbau eines Brezel-Käfers in ein Gefährt mit einteiliger Heckscheibe: „Vielleicht sind Sie Besitzer eines Volkswagens, der schon länger als fünf Jahre unverdrossen seinen Dienst versieht. Sie sind im Grunde zufrieden, nur eines stört Sie vielleicht: Das geteilte Rückfenster Ihres Wagens. Einmal, weil es ein oft ungenügendes Blickfeld im Rückspiegel freilässt, und zum anderen, weil man daran das Alter ihres Wagens erkennen kann. Ich habe meinem VW deshalb nachträglich ein durchgehendes Rückfenster spendiert, wie es seine Nachfahren schon von Hause aus mitbekommen.“

Das Wirtschaftswunder läuft auf vollen Touren und immer mehr Luxusgüter halten Einzug in die westdeutschen Wohnungen, abzulesen an entsprechenden Artikeln im „Selbst“: Man hat sich nach des Tages Last sein Schöppchen bereitgestellt und möchte mal wieder die schöne Mozartsymphonie hören. Doch die Musiktruhe gibt keinen Laut von sich. Nun einen Möbelmann zu holen, der die große Truhe in die entfernte Stadt bringt, damit dort eine Röhre ausgewechselt wird, ist zweifellos ein unwirtschaftliches Verfahren. Deshalb lohnt es sich schon zu lernen, wie und wo ein Rundfunkfachmann nach der Fehlerquelle sucht“.

Da jedoch nicht nur das eigene Einkommen steigt, sondern logischerweise auch die Einkommen anderer, muss für deren Dienstleistungen und Produkte entsprechend tiefer in die Tasche gegriffen werden. „Einem Mann, der sich die Ausgabe von 30 DM jederzeit leisten kann, kam dieser Betrag jedoch für den Kauf eines Grasfangkorbes für seinen Rasenmäher „wirtschaftswunderlich“ hoch vor. Aus zwei Gardinenstangen, einem Sperrholzrest, einer alten Schubladenrückwand, einer leeren Bierkiste, etwas Lampendraht und einem Schraubhaken fertigte er einen tadellos funktionierenden Fangkasten lieber selbst, als sich dafür überhöhte Preise abfordern zu lassen.“

Glücklich kann sich schätzen, wem für seine Heimwerkeraktivitäten ein spezieller Raum zur Verfügung steht, doch „wer keine komplett ausgerüstete Heimwerkstatt hat, braucht deshalb nicht auf die Freude am selbstgefertigten Werkstück zu verzichten“. Man kann auch im Wohnzimmer erbaulich heimwerken, muss dort jedoch selbstverständlich „auf die lieben Angehörigen Rücksicht nehmen“. Und „da die Küche ohnehin im gewissen Sinn eine Werkstatt, und zwar die der Hausfrau ist, kann sie meistens auch als Asyl für die Heimwerkstatt dienen. Am besten wäre es natürlich, wenn sie dort einen eigenen Werktisch aufstellen könnten“. - Eine sicherlich gut gemeinte Anregung, aber es gehört wahrlich nicht allzu viel Phantasie dazu, sich auszumalen, wie viele Ehefrauen angesichts ihrer fortan in der Küche werkelnden Männer einen solchen Vorschlag insgeheim oder auch lauthals verflucht haben mögen.   

                                   

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Regelmäßig werden themenrelevante Neuentwicklungen im Heft vorgestellt und einem zwar schon lange bekannten, mittlerweile jedoch entscheidend verbesserten Werkstoff wird im September 1961 das komplette Heft gewidmet: „Wenn nicht alle Anzeichen trügen, befinden wir uns in einem ähnlichen Übergang, wie er einst von der Bronze- zur Eisenzeit stattgefunden hat: Während wir noch in der Eisenzeit leben, zeichnet sich am Horizont schon ein Kunststoff-Zeitalter ab, das auch dem Heimwerker ganz neue Möglichkeiten verspricht.“  Besonders die vielfältige Verwendbarkeit von bedruckten Selbstklebefolien hat es den Redakteuren angetan. Zwar „treffen Klebefolien mit Dessins, die Holzmaserungen nachahmen, nicht jedermanns Geschmack“, treffen aber im Falle „eines jungen Paares, das damit sein Aquarium verschönerte, damit dieses besser zur übrigen Einrichtung passt“ auf wohlwollende Anerkennung. Auch ein unansehnlich gewordener alter Schrank, „schon fast reif fürs Museum“, erstrahlt mit Hilfe „der hübschen d-c-fix Biedermeier-Folie“ im Handumdrehen in neuem Glanz.

Im Oktober 1963 fusioniert Selbst ist der Mann mit dem Konkurrenzblatt ff – Frohe Freizeit, letzteres ebenfalls ein ebenso informatives wie unterhaltsames Zeitzeugnis. Für eine Übergangszeit erscheinen beide Logos auf der Titelseite, nach einem Jahr bleibt Selbst ist der Mann als alleiniger Namensgeber übrig. Die Zeitschrift hat sich bekanntermaßen bis zum heutigen Tage behaupten können und bietet dadurch, neben ungezählten Bau- und Reparaturanleitungen, einen umfassenden und interessanten Überblick über ein halbes Jahrhundert deutscher Alltagskultur.


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